Vielleicht beginnt es ganz unspektakulär.
Man bleibt in einem kleinen Dorf stehen und fragt nach einer Adresse. Der ältere Herr vor dem Kafeneio erklärt nicht nur den Weg, sondern begleitet einen gleich ein Stück.
Oder man kommt mit dem Vermieter eines Apartments ins Gespräch. Am nächsten Morgen hängt plötzlich eine Tasche mit Tomaten, Feigen oder Zitronen an der Tür.
Man bestellt in einer kleinen Taverne die Rechnung – und kurz darauf steht noch ein Teller mit Wassermelone oder etwas Süßem auf dem Tisch.
Natürlich passiert das nicht überall und jedem. Griechenland ist ein modernes Land, und auch hier ist ein Restaurant zunächst ein Restaurant und ein Hotel ein Unternehmen. Und trotzdem gibt es für viele dieser kleinen Begegnungen einen kulturellen Hintergrund.
Er heißt Filoxenia – φιλοξενία.

Was bedeutet Filoxenia eigentlich?
Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus philos – φίλος und xenos – ξένος zusammen.
„Xenos“ kann dabei Fremder, Gast oder jemand von außerhalb bedeuten. Das offizielle Wörterbuch der griechischen Sprache führt Filoxenia bereits aus dem Altgriechischen her und beschreibt sie als freundliche Aufnahme und Betreuung von Gästen oder Fremden.
Sinngemäß lässt sich Filoxenia deshalb als eine freundschaftliche Haltung gegenüber dem Fremden verstehen.
Das ist mehr als eine sprachliche Feinheit. Denn aus jemandem, den man nicht kennt, wird durch die Aufnahme ein Gast. Und ein Gast wird anders behandelt als ein Fremder.
Eine Idee, die weit zurückreicht
Die Vorstellung von Gastfreundschaft spielte bereits im antiken Griechenland eine wichtige Rolle.
Damals sprach man von Xenia – ξενία. Dabei handelte es sich nicht lediglich um gutes Benehmen, sondern um ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen Gastgeber und Gast. Ein Reisender konnte in einer Welt ohne Hotels, Autobahnraststätten oder Booking.com darauf angewiesen sein, bei Fremden Unterkunft, Nahrung oder Schutz zu erhalten. Gastfreundschaft war deshalb auch eine Form gegenseitiger Absicherung. Der Gastgeber nahm den Fremden auf, bot Essen und oftmals Unterkunft an. Der Gast wiederum hatte sich respektvoll zu verhalten und durfte die Großzügigkeit seines Gastgebers nicht missbrauchen. Diese Beziehung konnte sogar über Generationen bestehen und durch gegenseitige Geschenke bekräftigt werden. Das altgriechische Wörterbuch Liddell-Scott beschreibt „xenos“ entsprechend nicht nur als Fremden, sondern auch als Gast beziehungsweise Gastgeber innerhalb einer solchen Gastfreundschaftsbeziehung.
Zeus passte persönlich darauf auf
Wie ernst diese Verpflichtung genommen wurde, zeigt schon die Mythologie.
Zeus wurde unter anderem als Zeus Xenios verehrt – als Beschützer der Fremden und der Gastfreundschaft. Wer einen Gast schlecht behandelte oder gegen die Regeln der Xenia verstieß, verletzte damit nicht nur gesellschaftliche Konventionen, sondern stellte sich gewissermaßen auch gegen den Schutz des obersten Gottes.
In Homers Odyssee begegnet dieses Motiv immer wieder.
Ein Fremder wird zunächst aufgenommen, bekommt zu essen und zu trinken – und erst danach interessiert man sich dafür, wer er eigentlich ist und weshalb er gekommen ist. Selbst die offizielle griechische Tourismusorganisation greift heute auf ihrer Website eine entsprechende Passage aus der Odyssee auf. Natürlich führt keine gerade Linie von Homer zum heutigen Apartmentvermieter auf Naxos. Aber die Vorstellung, dass die Aufnahme eines Gastes etwas Positives und Ehrenhaftes ist, besitzt in Griechenland eine bemerkenswert lange kulturelle Geschichte.
Filoxenia findet oft am Tisch statt

Wenn Gastfreundschaft in Griechenland sichtbar wird, dann erstaunlich oft durch Essen.
„Möchtest du etwas essen?“
Diese Frage kann gefährlich sein. Denn ein höfliches „nur eine Kleinigkeit“ wird manchmal überraschend großzügig interpretiert.
- Ein Teller Käse.
- Oliven.
- Tomaten.
- Brot.
- Etwas Fleisch.
- Dann vielleicht noch Obst.
Und natürlich sollte man zumindest probieren, was die Großmutter selbst gemacht hat.
Essen ist in Griechenland weit mehr als reine Nahrungsaufnahme. Gemeinsames Essen schafft Verbindung, und jemandem etwas anzubieten ist eine der einfachsten Möglichkeiten zu zeigen:
Du bist hier willkommen.
Auch die griechische Tourismusorganisation beschreibt die traditionelle Küche ausdrücklich als eine Form der Fürsorge und Gastfreundschaft – das gemeinsame Essen gehört kulturell eng zum Willkommenheißen eines Gastes.
Kaffee ist selten nur Kaffee
Ähnliches gilt für Kaffee.
Wer privat eingeladen wird, bekommt häufig zumindest einen Kaffee, ein Glas Wasser oder etwas Süßes angeboten. Das Entscheidende ist dabei nicht unbedingt, was serviert wird.
Es geht darum, dass man sich hinsetzt.
Dass man Zeit miteinander verbringt.
Dass aus einer kurzen Begegnung ein Gespräch werden kann.
Das passt zu einer Eigenheit, die einem in Griechenland immer wieder begegnet: Zeit mit einem Gast wird nicht zwingend nach Effizienz beurteilt.
Ein Kaffee darf dauern.
Ein Gespräch auch.
Und vielleicht sitzt man eine Stunde später immer noch dort, obwohl man ursprünglich lediglich etwas fragen wollte.
Die berühmte Tüte mit Tomaten
Wer länger in Griechenland unterwegs ist und Kontakte zu Einheimischen bekommt, kennt vielleicht noch eine andere Form der Filoxenia:

Man geht nicht unbedingt mit leeren Händen wieder nach Hause.
- Ein paar Zitronen vom eigenen Baum.
- Olivenöl aus der Familie.
- Tomaten aus dem Garten.
- Ein Glas Honig.
- Eine Flasche selbst gemachter Tsikoudia.
Dabei geht es selten um den materiellen Wert. Das Geschenk sagt vielmehr:
Nimm etwas von uns mit.
Gerade auf dem Land und in kleineren Orten können solche Gesten Teil persönlicher Beziehungen sein. Sie sind aber natürlich keine touristische Dienstleistung und schon gar kein Anspruch, den ein Besucher erwarten sollte.
Und genau hier liegt ein wichtiger Unterschied.
Filoxenia ist kein All-inclusive-Service
Der Begriff wird heute gern touristisch verwendet. Hotels werben mit „authentischer griechischer Filoxenia“, Reiseveranstalter sprechen von der berühmten griechischen Gastfreundschaft und kaum eine Griechenlandwerbung kommt ohne das Bild des herzlich begrüßten Gastes aus. Das ist nicht völlig falsch.
Aber Filoxenia und professioneller Gästeservice sind nicht dasselbe. Ein Kellner, der freundlich bedient, macht zunächst schlicht seinen Beruf gut. Eine Hotelrezeptionistin, die einen Gast eincheckt, erfüllt eine professionelle Aufgabe.
Filoxenia beginnt dort, wo eine Begegnung persönlicher wird.
Der Anthropologe Michael Herzfeld weist gerade bei Griechenland auf diesen interessanten Unterschied zwischen Gastfreundschaft als gesellschaftlichem Wert und der kommerziellen „Hospitality Industry“ hin. Beides kann sich überschneiden, ist aber nicht identisch. Vielleicht merkt man diesen Unterschied am besten dann, wenn etwas passiert, das eigentlich gar nicht Teil der gebuchten Leistung war.
- Die Vermieterin bringt Kuchen vorbei.
- Der Wirt setzt sich nach Feierabend noch auf einen Tsipouro dazu.
- Jemand fährt einen Gast kurzerhand zum Hafen, weil der Bus nicht kommt.
- Oder man bekommt beim Abschied eine Flasche Olivenöl in die Hand gedrückt.
Das lässt sich schwer in Sterne oder Bewertungen übersetzen.
Aber bitte ohne Griechenland-Romantik
Nun wäre es verführerisch, daraus das Bild zu zeichnen, jeder Grieche würde jeden Fremden sofort an seinen Familientisch setzen. So funktioniert natürlich auch Griechenland nicht. Athen ist eine Millionenstadt. Auf Mykonos werden während der Saison Tausende Touristen täglich abgefertigt. Ein Kellner in einer überfüllten Taverne hat möglicherweise schlicht keine Zeit für ein langes Gespräch. Und nicht jeder Mensch ist automatisch gastfreundlich, nur weil er Grieche ist.
Filoxenia ist ein kulturelles Ideal – keine Charaktereigenschaft, die bei der Geburt mit dem griechischen Pass ausgehändigt wird. Auch der Tourismus hat Begegnungen verändert. Wo jedes Jahr Millionen Gäste kommen, wird aus Gastfreundschaft zwangsläufig teilweise ein Geschäft. Umso schöner sind die Momente, in denen die Grenze zwischen Gastgeber und Besucher für eine Weile verschwindet.
Gastfreundschaft funktioniert in beide Richtungen
Die antike Xenia beruhte auf Gegenseitigkeit. Dieser Gedanke ist auch für heutige Reisende gar nicht so schlecht. Wer Filoxenia erlebt, muss dafür natürlich keine Gegenleistung bezahlen. Aber Respekt gehört dazu.
Ein freundliches Efcharistó – ευχαριστώ, ein ehrliches Dankeschön, Interesse am Gegenüber und ein respektvoller Umgang mit Menschen, Ort und Traditionen sind mehr wert als komplizierte Benimmregeln. Wer privat eingeladen ist, kann selbstverständlich auch eine Kleinigkeit mitbringen. Das muss nichts Großes sein – Blumen, Süßigkeiten oder eine kleine Aufmerksamkeit reichen völlig. Vor allem sollte man Gastfreundschaft niemals als selbstverständlich betrachten. Wenn jemand etwas schenkt oder anbietet, geschieht das freiwillig. Gerade deshalb hat die Geste ihren Wert.
Manchmal muss man lernen, etwas anzunehmen
Für Mitteleuropäer kann griechische Gastfreundschaft gelegentlich sogar ungewohnt sein. Wir möchten niemandem Umstände machen.
„Nein danke, wirklich nicht.“
„Ich brauche nichts.“
„Bitte wegen mir keinen Aufwand.“
Das ist höflich gemeint. Nur kann übertriebene Zurückhaltung manchmal genau das Gegenteil bewirken. Wenn jemand offensichtlich Freude daran hat, einen Kaffee anzubieten oder etwas vom eigenen Essen zu teilen, darf man dieses Angebot auch einfach annehmen. Man muss nicht jedes dritte Glas Tsipouro akzeptieren. Das könnte irgendwann ohnehin logistische Probleme verursachen. Aber ein Kaffee, ein Stück Kuchen oder ein paar Feigen können der Beginn einer Begegnung sein, an die man sich länger erinnert als an den nächsten perfekten Strand.
Von der Antike bis zum modernen Griechenland
Es wäre zu einfach zu behaupten, die heutige griechische Gastfreundschaft sei seit 2.500 Jahren unverändert geblieben. Gesellschaften verändern sich. Griechenland hat Kriege, Migration, Urbanisierung, wirtschaftliche Krisen und einen enormen Aufstieg des Massentourismus erlebt. Und trotzdem taucht das Motiv der Gastfreundschaft immer wieder auf.
Schon der Schweizer Fotograf und Griechenlandreisende Fred Boissonnas schrieb 1930 über eine Gastfreundschaft, die ihn auf seinen Reisen durch das Land immer wieder beeindruckte. Seine Schilderungen trugen wiederum selbst zum Bild Griechenlands im Ausland bei.
Heute lebt Filoxenia deshalb irgendwo zwischen Tradition, Selbstbild, tatsächlichem Alltag und touristischem Markenzeichen. Und vielleicht muss sie gar nicht größer gemacht werden, als sie ist.
Die schönsten Begegnungen stehen in keinem Reiseführer
Man kann Griechenland hervorragend bereisen, ohne jemals darüber nachzudenken, was Filoxenia bedeutet.
- Man kann Sehenswürdigkeiten besuchen.
- Strände abhaken.
- Restaurants bewerten.
- Hotels vergleichen.
- Und wieder nach Hause fliegen.
Aber wer etwas langsamer reist, gelegentlich dieselbe Taverne besucht, mit dem Besitzer eines kleinen Apartments spricht oder in einem Dorf nicht nur fotografiert, sondern auch einmal sitzen bleibt, erlebt manchmal etwas anderes.
- Aus einem „Woher kommst du?“ wird ein Gespräch.
- Aus dem Kaffee werden zwei.
- Plötzlich erscheinen Fotos von Kindern und Enkelkindern auf einem Handy.
- Irgendjemand erzählt, dass ein Cousin in Deutschland oder Österreich lebt.
- Und irgendwann steht etwas zu essen auf dem Tisch, obwohl niemand etwas bestellt hat.
Vielleicht ist genau das Filoxenia. Nicht die Vorstellung, dass jeder Fremde automatisch ein Freund wäre. Sondern die Bereitschaft, ihm für einen Moment das Gefühl zu geben,
kein Fremder mehr zu sein.
Bilder im Artikel
Ältere Frau in Küche von Marina Gr / Pexels
Obst in Schüssel von Dimitris Mourousiadis / Pexels
