Es ist zehn Uhr am Vormittag. Auf der Platia stehen bereits die ersten Gläser. Mittags stehen sie noch immer dort. Und möglicherweise sitzen sogar noch dieselben Menschen daneben.

Wer aus Österreich gewohnt ist, schnell einen Espresso an der Bar zu trinken oder den Kaffee in der kurzen Arbeitspause hinunterzukippen, muss sich an eine Besonderheit Griechenlands vielleicht erst gewöhnen:

Kaffee ist hier selten nur ein Getränk.

Er ist ein Anlass:

Zum Sitzen.
Zum Reden.
Zum Leute beobachten.

Und manchmal schlicht dazu, eine Stunde lang überhaupt nichts Wichtiges zu tun.

Kaffee braucht Zeit

Griechen lassen sich Zeit beim Kaffee trinken
Griechen lassen sich Zeit beim Kaffee trinken

Griechenland besitzt eine ausgeprägte Café-Kultur. Das traditionelle Kafeneio erfüllte über Generationen die Funktion eines gesellschaftlichen Treffpunkts, und auch das moderne Café ist aus dem Alltag kaum wegzudenken. Man trifft Freunde nicht unbedingt „für eine Stunde“. Man trifft sich auf einen Kaffee. Wie lange dieser dauert, bleibt offen.

Gerade darin unterscheidet sich die griechische Kaffeegewohnheit oft von jener Mitteleuropas. Niemand wundert sich darüber, wenn vor einem Gast schon seit längerer Zeit nur noch ein paar geschmolzene Eiswürfel im Glas schwimmen. Das Café verkauft zwar Kaffee. Aber eigentlich verkauft es auch einen Platz und Zeit.

Und Griechen haben im Laufe der Jahrzehnte erstaunlich viele Varianten gefunden, Kaffee dieser Zeit anzupassen.

Ellinikós – der traditionelle griechische Kaffee

Beginnen wir mit dem ältesten Vertreter:

Ellinikós kafés – ελληνικός καφές, der griechische Kaffee.

Serviert wird er in einer kleinen Tasse, optisch ähnlich einem Espresso. Damit endet die Ähnlichkeit allerdings bereits. Griechischer Kaffee wird nicht unter Druck durch eine Espressomaschine gepresst. Sehr fein gemahlener Kaffee kommt gemeinsam mit Wasser – und je nach Bestellung auch Zucker – in ein kleines Metallkännchen, das Briki – μπρίκι genannt wird. Darin wird der Kaffee langsam erhitzt. Kurz bevor er überkocht, bildet sich an der Oberfläche ein feiner Schaum, das sogenannte Kaimaki – καϊμάκι. Dann wird eingeschenkt. Gefiltert wird nichts.

Vorsicht: Der letzte Schluck bleibt in der Tasse

Das ist für Neulinge durchaus erwähnenswert. Der Kaffeesatz befindet sich beim Ellinikós direkt in der Tasse. Nach dem Einschenken wartet man daher kurz, bis er sich am Boden abgesetzt hat. Danach wird langsam getrunken. Der letzte Schluck sollte besser dort bleiben, wo er ist. Wer die Tasse begeistert vollständig austrinkt, bekommt plötzlich eine ausgesprochen konzentrierte Ladung Kaffeesatz. Nicht gefährlich. Aber vermutlich ein Erlebnis, das man nur einmal braucht. Traditionell wird zum griechischen Kaffee ein Glas Wasser gereicht.

Skétos, métrios oder glykós?

Kaffee mit oder ohne Zucker?
Kaffee mit oder ohne Zucker?

Beim Ellinikós stellt der Kellner möglicherweise gleich die nächste Frage:

Wie süß?

Denn der Zucker wird bereits gemeinsam mit dem Kaffee im Briki erhitzt. Hinterher einfach etwas Zucker einzurühren funktioniert deshalb zwar technisch, entspricht aber nicht der klassischen Zubereitung.

Drei Begriffe begegnen einem besonders häufig:

  • Skétos – σκέτος: ohne Zucker
  • Métrios – μέτριος: mittel beziehungsweise mäßig gesüßt
  • Glykós – γλυκός: süß

Wie viel Zucker ein „métrios“ oder „glykós“ genau enthält, kann durchaus etwas variieren. Wer keinen Zucker möchte, ist mit:

„Énan ellinikó skéto, parakaló.“ also bestens versorgt.

„Einen griechischen Kaffee ohne Zucker, bitte.“

Kaffee aus dem Kafeneio

Der Ellinikós gehört besonders zum traditionellen Kafeneio. Dort sitzt vielleicht ein älterer Herr seit einer Stunde vor einer winzigen Tasse, daneben ein Glas Wasser, die Zeitung oder ein Tavli-Brett. 

Doch man sollte daraus nicht schließen, griechischer Kaffee sei nur etwas für ältere Generationen. Er wird weiterhin getrunken – nur hat er inzwischen starke Konkurrenz bekommen. Und die kam zunächst ausgerechnet aus einem Zufall.

Frappé – eine griechische Erfindung mit Zufallsgeschichte

Der Frappé
Der Frappé

Kaum ein Getränk erinnert so unmittelbar an einen Griechenlandurlaub der 1980er-, 1990er- oder frühen 2000er-Jahre wie ein großes Glas Frappé – φραπέ.

Eiswürfel.
Kaffee.
Eine dicke Schaumschicht.
Strohhalm.
Und daneben möglichst viel Zeit.

Seine Entstehungsgeschichte ist inzwischen fast Teil der griechischen Populärkultur. Im Jahr 1957 fand in Thessaloniki die Internationale Messe statt. Der Nestlé-Mitarbeiter Dimitris Vakondios wollte sich dort einen Instantkaffee zubereiten, hatte aber kein heißes Wasser zur Verfügung. Also mischte er Instantkaffee mit kaltem Wasser in einem Shaker. Das Ergebnis war der Frappé. 

Die offizielle Athener Tourismusseite führt seine Entstehung ebenfalls auf diese zufällige Zubereitung auf der Thessaloniki International Fair 1957 zurück. Aus dem Improvisationskaffee wurde eines der bekanntesten Getränke Griechenlands.

Was ist eigentlich ein Frappé?

Der klassische griechische Frappé wird mit Instantkaffee zubereitet. Eine kleine Menge Wasser wird zusammen mit dem Kaffee kräftig aufgeschäumt. Danach kommen kaltes Wasser und Eiswürfel dazu. Wer möchte, bestellt ihn mit Milch. Das Ergebnis ist kein Milchshake und auch kein moderner Iced Coffee im internationalen Sinn. Der charakteristische, relativ feste Kaffeeschaum gehört genauso dazu wie die Eiswürfel. Und natürlich der Strohhalm.

Ein Frappé kann erstaunlich lange halten. Was vermutlich auch erklärt, weshalb er so gut zur griechischen Café-Kultur passt.

Ein Kaffee für einen ganzen Nachmittag

Der Frappé war jahrzehntelang praktisch ein Symbol des griechischen Sommers. 

Man bestellte ihn am Strand.
Im Café.
Auf der Fähre.
An der Tankstelle.
Oder auf der Platia.

Und dann trank man langsam. Sehr langsam.

Während ein Espresso nach wenigen Schlucken verschwunden ist, kann ein Frappé seinen Besitzer problemlos durch einen erheblichen Teil des Nachmittags begleiten. Dabei wird der Kaffee immer dünner, die Eiswürfel kleiner – aber das scheint niemanden besonders zu stören. Der Frappé passt damit vielleicht besonders gut zu einem griechischen Grundprinzip:

Kaffee muss nicht schnell sein.

Dann kam der Freddo

Griechischer Freddo
Griechischer Freddo

Irgendwann bekam der Frappé allerdings Konkurrenz. Und zwar ziemlich ernsthafte.

Seit den frühen 1990er-Jahren entwickelte sich in Griechenland der Freddo, also kalter Espresso beziehungsweise Cappuccino, zunehmend zum modernen Sommerkaffee. Kathimerini bezeichnet den Freddo ausdrücklich als griechische Erfindung aus den frühen 1990er-Jahren und als Weiterentwicklung der Tradition kalter Kaffeegetränke, die zuvor vom Frappé geprägt worden war.

Heute sieht man in Athen oder Thessaloniki mindestens ebenso häufig einen Freddo wie einen Frappé. Bei jüngeren Griechen dürfte er vielerorts sogar längst die Nase vorne haben.

Freddo Espresso – Espresso auf griechische Sommerart

Ein Freddo Espresso – φρέντο εσπρέσο besteht im Kern aus Espresso und Eis. Allerdings wird nicht einfach ein heißer Espresso über ein Glas Eiswürfel geschüttet. Der frisch gebrühte Espresso wird typischerweise mit Eis kräftig gekühlt beziehungsweise aufgeschlagen und anschließend über frisches Eis gegossen. Dadurch bekommt er seine charakteristische Textur und eine leichte Schaumschicht. Das Ergebnis ist kräftiger und aromatischer als ein klassischer Frappé, weil kein Instantkaffee verwendet wird.

Und vor allem: Er ist kalt. Sehr kalt.

Bei 35 Grad im Schatten versteht man schnell, warum diese Erfindung ausgerechnet in Griechenland erfolgreich wurde.

Freddo Cappuccino
Freddo Cappuccino

Freddo Cappuccino – mit kaltem Milchschaum

Wer es etwas milder mag, landet beim:

Freddo Cappuccino – φρέντο καπουτσίνο.

Die Grundlage ist wiederum gekühlter Espresso auf Eis. Darauf kommt jedoch eine Schicht kalter aufgeschäumter Milch. Das unterscheidet ihn von einem normalen Cappuccino, dessen Milch mit heißem Dampf aufgeschäumt wird. Beim Freddo Cappuccino soll der Milchschaum kühl und cremig bleiben. Das Ergebnis sieht gelegentlich fast zu schön aus, um hineinzutrinken. Was die Griechen trotzdem tun. Meist mit Strohhalm.

Frappé oder Freddo?

Damit kommen wir zur entscheidenden Urlaubsfrage. Was soll man bestellen?
Der Unterschied lässt sich recht einfach zusammenfassen:

Frappé basiert auf Instantkaffee und besitzt seinen typischen kräftigen Schaum.
Freddo Espresso basiert auf Espresso und schmeckt daher deutlich näher an einem modernen Espresso.
Freddo Cappuccino ist ein Freddo Espresso mit kaltem Milchschaum.

Es gibt kein „besser“ oder „schlechter“. Ein Frappé ist inzwischen fast ein Stück griechischer Kaffeegeschichte. Der Freddo wiederum repräsentiert stärker die moderne Café-Kultur.

Unsere Empfehlung:

Probier beide.

Urlaub ist schließlich lang genug.

Und der normale Espresso?

Auch Cappuccino, Latte & Co bekommt man in Hellas
Auch Cappuccino, Latte & Co bekommt man in Hellas

Keine Angst. Auch wer mit griechischem Kaffee, Instantkaffee und Milchschaumexperimenten nichts anfangen kann, muss in Griechenland nicht verdursten. Espresso, Cappuccino, Latte und andere internationale Kaffeespezialitäten gehören längst selbstverständlich zum Angebot moderner Cafés. Griechenland besitzt inzwischen zudem eine ausgeprägte Specialty-Coffee-Szene, insbesondere in Athen und Thessaloniki. Schon 2006 beschrieb Kathimerini den Wandel weg vom allgegenwärtigen Frappé hin zu Espresso-basierten Kaffeespezialitäten; inzwischen gehören Freddo Espresso und Freddo Cappuccino fest zur modernen griechischen Kaffeeidentität.

Das Interessante ist deshalb gerade die Mischung:
Das jahrzehntealte Kafeneio serviert Ellinikós. Nebenan verkauft ein modernes Café Single-Origin-Espresso. Und beide Tische können voll sein.

So bestellst du Kaffee in Griechenland

Ein paar Wörter reichen bereits erstaunlich weit.

Énan ellinikó, parakaló.
Einen griechischen Kaffee, bitte.

Énan frappé, parakaló.
Einen Frappé, bitte.

Énan freddo espresso, parakaló.
Einen Freddo Espresso, bitte.

Énan freddo cappuccino, parakaló.
Einen Freddo Cappuccino, bitte.

Und dann kommt wieder die Frage nach dem Zucker.

Skéto – ohne Zucker.

Métrio – mittel.

Glykó – süß.

Wer Milch im Frappé möchte, kann „me gála“ – με γάλα, also „mit Milch“, dazusagen.

Aber keine Sorge:
In den touristischen Regionen funktioniert das Ganze natürlich auch auf Englisch.

Kaffee zum Mitnehmen? Natürlich.

Auch Griechenland hat sich verändert. Der Freddo in der Plastik- oder Pappbecher-Version gehört heute ebenso zum Straßenbild wie der traditionelle Ellinikós im Kafeneio.

Menschen gehen mit Kaffee zur Arbeit.
Studenten laufen mit Freddo durch Athen.
Lieferdienste bringen Kaffee ins Büro.

An nahezu jeder größeren Straße findet sich irgendwo ein Café. Die griechische Kaffeekultur ist deshalb keineswegs ein nostalgisches Relikt. Sie ist ausgesprochen modern. Nur eines hat sich nicht völlig verändert:
Wenn Zeit vorhanden ist, setzt man sich trotzdem gerne hin.

Ein Kaffee kann zum gesellschaftlichen Ereignis werden

„Páme gia kafé?“

Gehen wir auf einen Kaffee?

Das bedeutet nicht zwingend, dass tatsächlich jeder Kaffee trinken wird. Es bedeutet vor allem:

Griechen beim Diskutieren
Griechen beim Diskutieren

Treffen wir uns.

Man sitzt gemeinsam.
Redet.
Diskutiert.
Schaut Menschen vorbei.
Vielleicht kommt noch jemand dazu.
Und vielleicht noch jemand.
Aus zwei Leuten werden vier.
Aus einer halben Stunde werden zwei Stunden.

Der Kaffee steht irgendwann nur noch dekorativ auf dem Tisch. Aber darum ging es ohnehin nie ausschließlich.

Vom Briki zum Freddo

Vielleicht erzählt kaum etwas den Wandel des modernen Griechenlands so schön wie seine Kaffeekultur. Da ist der traditionelle Ellinikós im kleinen Porzellantässchen. Daneben der Frappé, der 1957 eher zufällig in Thessaloniki entstand und schließlich Generationen griechischer Sommer begleitete. Und schließlich der Freddo Espresso, eine griechische Weiterentwicklung der Espresso-Kultur, die inzwischen sogar außerhalb Griechenlands zunehmend Verbreitung findet.

Drei Getränke. Drei Generationen griechischer Kaffeekultur. Und trotzdem erfüllen sie am Ende häufig denselben Zweck.

Man setzt sich.
Bestellt.
Nimmt den ersten Schluck.
Und bleibt ein bisschen länger als geplant.

Denn in Griechenland ist die Frage:

„Gehen wir auf einen Kaffee?“

oft weniger eine Frage danach, was man trinken möchte, sondern danach,

mit wem man die nächsten Stunden verbringen möchte.